Verkehrsfreie Stunden gibt es heute an der Mellingerstrasse keine mehr. Und tagsüber wälzt sich eine schier endlose Kolonne in beide Richtungen: 24'455 Fahrzeuge fahren durchschnittlich pro Tag an Bahnhof und Restaurant Täfere vorbei! (Quelle: Strassenbelastungsplan Kanton Aargau).

Fritz Renold schätzt das Verkehrsaufkommen Ende der 40er-Jahre auf ein paar wenige Autos pro Tag. In Dättwil selber gab es genau 1 Auto, erinnert sich der heute 72-jährige. Er erzählte den gebannt lauschenden Zuhörerinnen und Zuhörern von seinen Kindheitserinnerungen rund um sein Elternhaus, in dem heute Auto-Occasionen gehandelt werden. Aufgewachsen auf dem Hof seiner Eltern, zwischen dem Industriebetrieb Demuth und dem Bahnhof gelegen, erlebte Fritz Renold seine ersten 14 Lebensjahre zusammen mit drei Geschwistern, vier Kühen, ein paar Schweinen und Hühnern, ständig umgeben vom Bahnbetrieb. Die Erlebnisse am Bahnhof, wo er oft zuschaute und mit anpackte, wenn Güter ein- und ausgeladen wurden, scheinen ihn geprägt zu haben. Die Zuhörerinnen und Zuhörer am Herbstanlass bekamen viele kleine Geschichten von heimlich gezogenen Notbremsen, 100 Kilo schweren Getreidesäcken und Kohle-Bergen zu hören. Und vielleicht waren es diese Erlebnisse, die Fritz Renold schliesslich Lokführer werden liessen. 1959 verkauften seine Eltern den Hof und zogen ins Zürcher Weinland. Die Mellingerstrasse war zu breit und zu verkehrsreich geworden. Der landwirtschaftliche Betrieb, durchschnitten von einer grossen Verkehrsachse, bot keine Existenzgrundlage mehr.


Schauplatz Dättwil: Die Bahnhofregion

Diesen Ausbau der Mellingerstrasse, der 1958 begann, erlebte Markus Friedli hautnah. Das Restaurant Täfere, das damals von seinen Eltern geführt wurde und wo er heute mit seiner Frau wirtet, musste sogar umgebaut werden, weil der Eingang von der Strassenseite nicht mehr möglich war. Damals gab's noch keine Tempolimite. Markus Friedli erinnert sich daran, wie der Strassenstaub mit feinem Ölsprühen gebunden wurde, wie die Verkehrsmenge stetig zunahm und auch eine erste Tempobeschränkung auf 75 km/h nicht verhinderte, dass es oft zu schweren Unfällen kam. Die Verkehrsopfer wurden manchmal im Restaurant ärztlich versorgt, bis die Ambulanz eintraf. Der Zeitzeuge schilderte den Gästen die heutige Situation drastisch: Mit stehenden Kolonnen vor seinem Restaurant schon am ganz frühen Morgen, mit Postautos im Stau, mit neuen Massnahmen zur Verkehrssicherheit, die getroffen worden sind. Und zwischen den Zeilen war aus den Schilderungen von Markus Friedli herauszuhören, dass es so an der Mellingerstrasse eigentlich nicht weitergehen kann.

Die Gäste am Herbstanlass der Chronikgruppe wurden ausserdem auf einem kleinen Rundgang durchs Quartier geführt. Man kann sich heute die Mellingerstrasse ja kaum mehr vorstellen, wie sie 1877, in den Anfängen der Nationalbahn, ausgesehen hat: Ein kleiner, unbedeutender Weg. Antoinette Hauri rief mit ihren Schilderungen diese Zeit wieder in Erinnerung: Mit Geschichten und Informationen zum Ausbau dieser Verbindungsstrasse, zu verschwundenen und noch erhaltenen Gebäuden, zur Entwicklung der Täfere zum Industriequartier und zu Menschen, die dieses "andere" Dättwil bewohnt, geprägt und belebt haben.

Zum Beispiel "Schuehmacher Otti" – ebenfalls ein Renold. Jrène Som erzählte, wie und zu welchen Konditionen Otto Renold bis zu seinem Tod 1949 Schuhe repariert und hergestellt hatte. Dank alten Kassabüchern und anderen Unterlagen sind viele Informationen zur Schuhmacherei erhalten geblieben. Zum Beispiel, dass vor 130 Jahren ein paar Schuhe bei "Schuehmacher Otti" 10 – 12 Franken gekostet haben. Zu heutigen Arbeitsbedingungen müsste man dafür mehr als das Hundertfache bezahlen...

Zwei Stunden lang haben sich Besucherinnen und Besucher ein Bild der alten Bahnhofregion machen können. Und mit Sicherheit sind bei ihnen viele eigene Erinnerungen und Bilder aufgetaucht, zusätzlich aufgefrischt durch eine eindrückliche Bildergalerie im Garten des Restaurants Täfere. Staunend und diskutierend standen die Gäste vor den alten Aufnahmen. Und manch ein "Weisch no..." oder "Das cha me sich hüt gar nümm vorschtelle..." war zu hören. Beim gemütlichen Abschluss mit Most, Speck und Käse wurden jedenfalls viele weitere Episoden, Souvenirs und Geschichten aus ruhigeren Zeiten ausgetauscht. Das konnte auch der Verkehrslärm von der nahen Mellingerstrasse nicht verhindern.



Führung vom 17. Sept. 2016

Schauplatz Dättwil: Die Bahnhofregion
Impressionen vom Herbstanlass der Chronikgruppe Dättwil